In den japanischen Kampfkünsten (Budo) hat die Meditation traditionell eine herausragende Bedeutung. Das unterscheidet sie insbesondere von westlichen Kampftechniken. Im Karate, Aikido, Jiu-Jitsu oder Judo meditieren die Kämpfer regelmäßig und auf jeder Stufe vom Anfänger über den Fortgeschrittenen bis hin zum Meister.
Die Meditation bei den Kampfkünsten trägt den Namen Mokuso. Sie findet immer am Beginn und am Ende eines jeden Trainings statt. Der Meister gibt das Kommando Seiza, worauf sich alle auf ihre Fersen setzen (auch bekannt als Diamantensitz – einer der wichtigsten Meditationshaltungen neben dem Lotussitz).
Mokuso ist ein Sitzen in Stille, das den Kämpfer zur Ruhe bringt und das Bewusstsein klärt. Sein Geist sammelt sich und wird rein.
Mokuso stammt aus dem Mokusho-Zen, was „Zen der schweigenden Erleuchtung“ heißt. Es bedeutet soviel wie „ruhiges Denken“. Der chinesische Zen-Meister Hung-Chih Cheng-Chüeh (1091-1157) wollte mit dieser Bezeichnung seine zum Soto-Zen gehörende Schule abgrenzen vom Rinzai-Zen, dem „Zen der Betrachtung der Worte“. Soto-Zen ist in Japan die Hauptrichtung des Zen-Buddhismus. Es ist asketisch-puritanisch ausgerichtet und verzichtet auf Hilfsmittel für den Meditierenden. Im Rinzai-Zen dagegen praktiziert der Übende seine Meditation mit einem Koan (ein Meditationswort, das nicht mit der Vernunft erklärbar ist) und mit Mudras (Fingerhaltungen).
Das Ziel von Mokuso ist das Erreichen vom „mushin no shin“, ein Zen-Begriff sich am ehesten mit „Bewusstein ohne Bewusstsein“ übersetzen lässt. Der Kämpfer, der diesen Zustand erlangt hat, ist im Kampf ohne Angst, ohne Zorn und ohne Ich-Bewusstsein. Er denkt nicht mehr darüber nach, was er tun wird oder der Gegner, er fühlt es intuitiv. Sein Vorgehen ist vollkommen spontan, durch keinen Verstand gehemmt, durch keine Gefühle verzerrt.
Der berühmte japanische Zen-Meister Takuan Soho beschreibt diesen Zustand bei einem Schwertkämpfer so: „Er steht einfach da mit seinem Schwert, ohne Beachtung jeder Technik ist er ganz bereit, dem Befehl seines Unbewussten zu folgen. Der Mann hat sich ausgelöscht als Träger des Schwertes. Wenn er zuschlägt, dann ist es nicht das Schwert in der Hand des Mannes, sondern das Unbewusste im Mann, das zuschlägt.“
Diese Schilderung trifft beschreibt sehr genau, was das regelmäßige Training von Mokuso für einen Kämpfer so wichtig macht. Ohne Mokuso wäre er nicht im Vollbesitz seiner Fähigkeiten, seine Kraft wäre getrübt von Gedanken, er wäre blind vor Furcht oder Hass. Für einen solchen Kämpfer besteht nicht nur die Gefahr den Kampf zu verlieren, sondern auch sein Leben. Auch das fehlerlose, vollendete Ausführen der Bewegungen der Katas (Übungsformen) ist ein Ergebnis von Mokuso.
Die Wirkung von Mokuso geht jedoch über den Kampf weit hinaus. Die asiatischen Kampfkünste (Budo) sind ein Weg, um zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Die Selbstbeherrschung ist ein zentrales Ziel der Kampfsportphilosophie, das durch Mokuso entwickelt wird und gerade auch das alltägliche Leben des Schülers prägt. Mokuso hilft ihm dabei, Egoismus und falsche Selbstwahrnehmung zu überwinden. Er erkennt seine Schwächen, seine Fehler. Er sieht ein, dass ein Handeln in Wut ihn seiner Selbstkontrolle beraubt, genauso wie ein Handeln aus Angst ihn schwächt. Nicht nur im Kampf, sondern überall im Leben.
Mokuso erfordert vom Lernenden beständige Übung und eine lange Zeit der Praxis. Der Zustand vollkommener Spontanität ist nicht sofort erreichbar, selbst für sehr gute Kämpfer nicht. Erst das jahrelange Praktizieren von Mokuso führt zu einer geistigen Verfassung, die sich durch Klarheit und Gegenwärtigkeit und dem ungestörten Fluss der Lebensenergie auszeichnet. Jetzt erst ist der Kämpfer in der Lage seine ganze Kraft und alle Fähigkeiten in jedem Kampf zum Einsatz zu bringen. Das ist die Stufe der wahren Meisterschaft.